Eine Woche Backgammon in der Normandie

 

25.01.2020 [jsc] - Der französische Backgammon-Verband war Ausrichter der diesjährigen Team-Weltmeisterschaft. Ausgetragen wurde das Turnier in Forges-les-Eaux, einem entlegenen Örtchen in der Normandie, dessen Haupt- und auch einzige Attraktion das Spielcasino nebst angrenzender Parkanlage darstellte. Erfreulicherweise gelang allen die Anreise trotz einiger Widrigkeiten durch streikenden Nahverkehr, geldgierigen Taxifahrern, und mit großem Vertrauen in die Navigations-Software entlang schmaler Sträßchen in menschenleerer Gegend.

 

Unser Team wurde angeführt vom Mannschaftskapitän Dirk Schiemann. Volker Sonnabend fungierte als sein Stellvertreter und kümmerte sich auch um die Aufzeichnung und das Streaming der Matches. Dazu kamen Andreas Hofmann, Jürgen Orlowski, Jens Averkamp und Heribert Lindner aus der Weltmeister-Mannschaft des Vorjahres und die beiden Neulinge Torsten Lux und Markus Reinhard. 

Wie alle Teams hatten wie auch eine einheitliche Teamkleidung. Mit zwei goldenen Sternen auf unseren Shirts wiesen wir dezent aber deutlich auf die Erfolge der beiden letzten Jahre hin.

 

Die 17 teilnehmenden Mannschaften wurden zunächst im 3 Gruppen zu je 6 bzw. 5 Teams aufgeteilt. Aus jeder Gruppe sollten sich die beiden ersten Teams für das Viertelfinale qualifizieren, sowie zwei weitere Teams nach einem Stichkampf der Drittplatzierten. Das Los bestimmte, dass wir in der Vorrunde gegen die Tschechische Republik, Zypern, die Türkei, Russland und Belgien anzutreten hatten. Die deutsche Equipe war entschlossen, im Gegensatz zum Vorjahr keinen Zweifel über das Erreichen der Endrunde aufkommen zu lassen. Wir erinnern uns: In Budva mussten nach verunglücktem Start drei Matches hintereinander mit viel Glück gewonnen werden, um nicht vorzeitig auszuscheiden.

 

Der erste Wettkampf gegen die Tschechen endete 2:2, aber die nachfolgenden Gegner wurden jeweils deutlich geschlagen. Damit war klar, dass wir selbst bei einer 1:3-Niederlage im abschließenden Match gegen Belgien die Endrunde erreichen würden. Das 2:2 war dann aus belgischer Sicht eher glücklich, sicherte aber unseren Nachbarn ebenfalls den Einzug in die Endrunde.

 

Im Viertelfinale erwartete uns dann eine echte Herausforderung; das in Bestbesetzung angetretene Britische Team mit Sebastian Wilkinson, Raj Jansari, Chris Rogers und Tim Cross. Bei uns musste Dirk grippebedingt pausieren. Volker geriet im Duell der Verbandsvorsitzenden gegen Raj schon bald ins Hintertreffen, und Andreas lag gegen Chris, den Deutschen Meister von 2018, schnell mit 0:8 und bald danach mit 3:12 auf 13 Punkte nahezu aussichtlos zurück. Bei Jürgen sah es gut aus gegen Tim, aber das Match zwischen den „PR-Giants“ Jens und Sebastian war lange ausgeglichen. Im besten Fall schien ein 2:2 möglich zu sein; dies hätte ein Team-Consultation-Match als Tiebreak zur Folge gehabt. Aber Andreas schaffte das scheinbar Unmögliche und drehte das Match noch zu seinen Gunsten. Da auch Jens das bessere Ende für sich hatte, wurden die Briten 3:1 geschlagen, und das Halbfinale war erreicht.

 

Leider war dies die letzte Erfolgsmeldung der Equipe Allemande. Halbfinalgegner war Griechenland, das nach Aussage des eigenen Mannschaftskapitäns mit der schwächsten Mannschaft aller Zeiten angetreten war. Doch die Griechen hatten schon in der Vorrunde aufhorchen lassen und ihre Gruppe vor Dänemark, Frankreich, Norwegen und der Schweiz gewonnen; anschließend die Tschechen mit 4:0 geschlagen. Auf unserer Seite konnte man sich an die Startniederlage gegen die Griechen im Vorjahr in Montenegro erinnern. Auch diesmal war das Glück auf der Seite der Hellenen. Wir verloren 1:3, der Titel war weg und allenfalls Platz 3 erreichbar. Aber jetzt war offenbar die Luft aus dem Team. Gegen Frankreich liefen alle von Anfang an einem Rückstand hinterher. Keiner konnte gegenhalten, und so gab es ein 0:4. Schade, denn ein Platz 3 hätte noch etwas Geld in die Mannschaftskasse gebracht.

 

Weltmeister wurde zum zweiten Mal das starke Team aus Dänemark, das Griechenland im Finale mit 4:0 abfertigte. Steen Grønbech, Thomas Kristensen, Christian Munk Christensen, Thomas Myhr, Freddie Noer und Lars Trabolt ließen sich das verdiente neue Weltmeister feiern.

 

Das Fazit aus deutscher Sicht: Man kann nicht jedes Jahr Weltmeister werden. Die Stimmung in der Mannschaft war gut. Alle Matches wurden aufgezeichnet und werden jetzt analysiert, so dass über die Leistungen unserer Spieler nach dem PR-Maßstab noch kein abschließendes Urteil möglich ist. Aber der erste Eindruck ist positiv, es gab keine Ausfälle. Wohl aber hatten einige Spieler mit dem Grippevirus zu kämpfen, und in der entscheidenden Situation fehlte gegen einen schwächeren Gegner das nötige Würfelglück.

 

Viel Arbeit wurde für das Live-Streaming erbracht. Leider war die Netzverbindung im Casino Forges-les-Eaux nicht immer stabil. Dennoch haben zahlreiche Backgammon-Freunde das Geschehen live verfolgt. Die Videos sind auf dem Youtube-Kanal des DBGV verfügbar.

 

Mit dem Teamfinale waren die Backgammon-Events noch lange nicht beendet: Jetzt startete das Einzelturnier mit 125 Teilnehmern. Dazu war auch Ralf Jonas angereist, offenbar um im Fernduell mit Kimon Papachristopoulos seine Führung der Weltrangliste abzusichern. Kimon, der im den beiden letzten Jahren das New York Open gewinnen konnte, ging dort diesmal leer aus. Ralf aber sicherte sich einen weiteren Turniersieg. Im Endspiel besiegte er den Belgier Michel Lamote, der auch im Vorjahr in Montenegro schon Finalist war. Torsten Lux erreichte immerhin das Viertelfinale und füllte damit die Reisekasse ein wenig auf. Die Last Chance am letzten Tag war einmal mehr fest in der Hand der Deutschen: Gerhard Lingnau gewann im Finale gegen Heribert Lindner.

 

Einen schönen Erfolg erzielte auch Stephan Hartmann. Er erkämpfte sich Platz 2 im Superjackpot und unterlag dort lediglich dem Norweger Dagfinn Snarheim. Dem Berichterstatter gelang nicht so viel, aber ein Sieg im „Daily Tournament“ reduzierte die Reisespesen.

 

In Forges-les-Eaux trafen sich auch die Delegierten der Mitgliedsländer der World Backgammon Federation zur jährlichen Versammlung. Steen Grønbech, der seit der Gründung vor sechs Jahren an der Spitze des Verbandes stand, hatte im Vorfeld den Verzicht auf eine erneute Kandidatur erklärt. Bernhard Mayr aus Österreich, vielen durch seine Tätigkeit für das Online-Backgammon bekannt, wurde einstimmig zum neuen Präsidenten gewählt. Ein weiterer Tagesordnungspunkt war die Vergabe der Team-WM 2022. Der italienische Verband bekam den Zuschlag und will das Turnier im Januar 2022 in Venedig ausrichten. Im nächsten Jahr findet die Weltmeisterschaft bekanntlich unter Leitung des „Porta Nigra Invitational“ Teams in Trier statt, und zwar Anfang März. Ein weiteres Thema war die Einbindung der Übersee-Nationen, vor allem USA und Japan, als Vollmitglieder in den Verband. In den laufenden Gesprächen geht dabei es vor allem um die Angleichung der Regelwerke und die Erwartungen dieser Nationen, dass Weltmeisterschaften nicht nur in Europa, sondern auch in einem noch zu vereinbarenden Turnus bei ihnen stattfinden.

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