Wie ich zum Backgammonspieler wurde

[rpr] Ich bin Schachspieler…. Seit über 30 Jahren…. Und, obwohl man es nicht glauben kann, wenn man die Spieler minutenlang über einen einzigen Zug grübeln sieht: Es ist ein spannendes und aufregendes Spiel. OK, meine Leistung in diesem Spiel hält sich in Grenzen, aber das macht auch nichts. Hauptsache es macht Spaß… Doch irgendwann braucht man auch im fortgeschrittenen Alter mal eine neue Herausforderung und da stieß ich im Internet, eher durch Zufall auf Backgammon. Das Spielen über das Internet kannte ich ja schon vom Schach und von daher dachte ich mir: Das versuch ich auch mal. Also, musste ich irgendwie erstmal die Regeln finden. Kein Problem, mein Freund Google hat mir geholfen und war doch ein wenig verwundert: „Da wird vor jedem Zug gewürfelt, also muss das doch ein Glücksspiel sein! Na, jetzt wo ich die Regeln schon kenne versuche ich dann eben auch mal mein Glück. Wie war das doch noch: Hauptsache es macht Spaß. Und, es ist mal was anderes als Schach“. Na, dann such ich mir mal einen Server in den Abgründen des Internets: Da es Hunderte gibt und meine Lebenserfahrung sagt, dass die meisten bestimmt nur mein Bestes wollen, werde ich mal einen Seriösen suchen. Und so stieß auf FIBS. „First Internet Backgammon Server“, das hört sich absolut seriös und auch traditionell an. Den nehm‘ ich….

 

Dann ging es los: Die Bedienung war für einen blutigen Anfänger im fortgeschrittenen Alter mit Javafibs schon mal gar nicht so einfach. Aber, OK, man wurschtelt sich da irgendwie durch und dann ging das doch recht einfach. Was allerdings extrem merkwürdig war: Ich verlor ziemlich oft. Komisch, denn eigentlich müsste das Glück doch auch mal auf meiner Seite sein, schließlich ist Backgammon doch ein Glücksspiel…. Wie kommt es, das ich so oft verliere? Ein Schachspieler versucht ja immer logisch zu denken, also bleiben eigentlich nur zwei (!) Möglichkeiten. Die Erste: Ich habe halt echt eine Pechsträhne, die muss sich einfach im Laufe der Zeit ausgleichen. Also, weiterspielen und irgendwann werde ich auch mal Glück haben. Merkwürdig…. Ich siegte natürlich auch mal, aber im großen und ganzen verlor ich doch mehr als ich gewann. Da dürfte dann ja nur die zweite Möglichkeit als logische Erklärung dienen: Ich muss den Glücksfaktor völlig überschätzt haben und Backgammon ist eben kein reines Glücksspiel. Rein logisch gesehen muss das ja einfach so sein. Schon Sherlock Holmes ist einmal zu der Erkenntnis gelangt (Zitat: Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag“).

 

Also, muss ich eben besser werden. Dann werde ich mir mal ein Buch besorgen um ein bisschen über das Spiel zu erfahren und meinen Gegner auch mal mit Wissen entgegentreten zu können. Dank www.gidf.de stieß ich auf auf die Backgammon-Bibel von Paul Magriel. In den USA bestellt…. gewartet…. gewartet…. gewartet…. den Zoll bezahlt und durchgelesen. Immerhin rund 500 Seiten, das hat natürlich schon ein wenig gedauert. Immerhin wuchs inzwischen auch meine Erfahrung im Backgammon und so wurden meine Ergebnisse im Laufe der Zeit auch ein wenig besser. Zu der Zeit fand ich das Spiel klasse, denn meine (zu dem Zeitpunkt) unwiderlegbare Meinung war: Bei einem Sieg habe ich gut gespielt und bei einer Niederlage hatte ich halt Pech. So kam ich zu der glorreichen Erkenntnis: Ich bin bei diesem Spiel ja nie Schuld wenn ich verliere! Einfach Genial!

 

Nach vielen Spielen und Turnieren im Internet wollte ich natürlich auch mal den nächsten Schritt gehen: Ein Live-Turnier. OK, also wieder Google gefragt und tatsächlich ein Turnier in annehmbarer Entfernung entdeckt. Irgendwie erschien mir das alles im Vorfeld viel zu kompliziert…. Allein die Begriffe: Champions, Consolation, Money Game, Intermediate, Last Chance, Beginner usw….. Wie ich da als Neuling überhaupt durchsteigen sollte? Und das dann live mit den viel erfahrenen Spielern? Na, wird schon klappen…. Also, angemeldet und hin. Ich hatte ein bisschen Glück, dass ich vom Schachspiel schon jemand vor Ort kannte und dann auch noch auf ein Turnier stieß welches mit 10 Teilnehmern schön übersichtlich war. Die Anmeldung bei der Turnierleitung mit dem Hinweis „Ich habe kein Ahnung“ lief schon mal perfekt und so nahmen auch alle erfahrenen Spieler Rücksicht auf „den Neuen“ und ließen mich vorallendingen (!) hin und wieder auch mal gewinnen. Am Ende reichte es sogar für einen Freistart beim nächsten Turnier. Leider kann ich zeitlich nicht zu vielen Turnieren fahren, aber dennoch fühlte ich mich bei dem Turnier und auch den folgenden immer recht wohl.

 

Nach zwei Jahren Backgammonerfahrung vom Anfänger zum Turnierspieler kann ich rückblickend sagen: Der am Anfang beschrieben Glücksfaktor ist bei diesem Spiel natürlich unbestreitbar, aber das Können spielt definitiv auch eine nicht unwichtige Rolle. Wie man jetzt Glück und Können prozentual verteilen müsste, kann ich leider nicht beantworten. Aber, gerade dieser vorhandene Glücksfaktor macht dieses Spiel auch irgendwie interessant. Im Prinzip kann jeder gegen jeden gewinnen oder verlieren. Aber am Ende ist der Turniergewinner doch irgendwie immer ein verdienter Gewinner gewesen.

 

Der Slogan: „Leicht zu lernen, schwer zu spielen“ trifft auf dieses Spiel absolut zu und so empfehle ich jedem einigermaßen interessierten Neuling es einfach mal zu wagen.

 

Habt ihr auch Erfahrungen zu eurem Backgammoneinstieg oder zu eurem ersten Turnier?

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Kommentare: 1
  • #1

    Christian Hohensteiner (Donnerstag, 12 November 2015 17:27)

    Köstlicher Artikel! Ich spiele seit einem halben Jahr und finde mich in vielen Punkten wieder. Allerdings begann ich mit Liveturnieren und habe dort erahnt was noch für ein Weg vor mir liegt. Aber es gibt eine Menge Unterstützung in der Community mit sympathischen Menschen.